Eine besondere Club-Activity führte die Mitglieder und Freunde des Lions Club Melsungen nach Kassel. Rund 30 Lions trafen sich um am „Himmelsstürmer“ vor dem Kasseler Hauptbahnhof zu einer Führung an einem Ort, den die meisten Menschen täglich passieren, ohne zu ahnen, welche Geschichte sich unmittelbar darunter verbirgt: dem Bunker unter dem Kasseler Hauptbahnhof.
Thomas Schmidt vom Feuerwehrverein Kassel führte die Gruppe durch die unterirdische Anlage. Mit viel Sachkenntnis und eindrucksvollen persönlichen Schilderungen vermittelte er den Teilnehmern einen lebendigen Eindruck von der wechselvollen Geschichte des Bunkers.
Vom Luftschutzbunker zum Atombunker
Die Bauarbeiten für die Anlage begannen 1941 mitten im Zweiten Weltkrieg. Die Reichsbahn errichtete zunächst einen Schutzraum für die Bevölkerung und Beschäftigte vor konventionellen Luftangriffen. Gerade für Kassel als bedeutenden Industrie- und Verkehrsknotenpunkt war der Luftschutz von großer Bedeutung.
Nach dem Krieg erhielt der Bunker eine völlig andere Funktion. Im Jahr 1946 übernachteten dort rund 46.000 Menschen, viele von ihnen waren durch die Bombenangriffe auf Kassel obdachlos geworden.
Während des Kalten Krieges wandelte sich die Bedeutung des Bunkers erneut. Kassel galt aufgrund seiner Lage nahe der damaligen innerdeutschen Grenze als besonders gefährdete Stadt. Ab 1969 ließ der Bund die Anlage für rund 4,5 Millionen D-Mark zu einem Atomschutzbunker ausbauen. Auf rund 3.000 Quadratmetern Fläche, verteilt auf zwei Geschosse, sollten bis zu 3.700 Menschen im Falle eines atomaren Angriffs bis zu vier Wochen Schutz finden. Die Außenwände sind bis zu zwei Meter stark.
Die Führung machte allerdings auch deutlich, wie begrenzt diese Sicherheit tatsächlich gewesen wäre. Der Bunker ist nicht dafür ausgelegt, einen direkten Treffer moderner Waffen zu überstehen. Selbst nach einem Atomangriff wäre die Schutzwirkung nur für eine begrenzte Zahl von Menschen und unter bestimmten Bedingungen gegeben gewesen.
Besonders eindrucksvoll waren die Einblicke in den geplanten Alltag im Ernstfall. Ein eigener Bunkerwart sollte den Kontakt zur Außenwelt halten, Durchsagen machen und sogar beruhigende Musik über die Lautsprecheranlage abspielen. 56 Personen waren für den Betrieb der Anlage vorgesehen. Für die Schutzsuchenden waren einfache persönliche Ausstattungen wie Plastikgeschirr, Besteck, eine Einmaldecke und ein Handtuch vorgesehen.
Vom Schutzraum zum Ort der Begegnung
Der wohl ungewöhnlichste Abschnitt der Geschichte ereignete sich im November 1989. Nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze kamen Tausende Menschen aus der ehemaligen DDR nach Kassel. Wer die Stadt tagsüber besuchte und keine Unterkunft hatte, konnte im vollständig ausgestatteten Bunker übernachten.
Ausgerechnet der für den atomaren Ernstfall konzipierte Schutzraum wurde damit zu einem Ort der Begegnung und des Feierns. Tausende Menschen verbrachten dort die Nächte, und im Bunker herrschte eine ausgelassene Stimmung. Für Thomas Schmidt, der diese Zeit selbst miterlebt hat, sind diese Erinnerungen bis heute besonders präsent.
Ein außergewöhnliches Zeugnis der Zeitgeschichte
Auch die jüngere Geschichte des Bunkers ist bemerkenswert. Im Jahr 2007 drang während Bauarbeiten für den RegioTram-Tunnel Wasser in die Anlage ein. Die Folge war erheblicher Schimmelbefall, sodass der Bunker über Jahre nicht öffentlich zugänglich war. Erst durch einen mehr als 100 Stunden dauernden ehrenamtlichen Arbeitseinsatz konnte die Anlage gereinigt und für Führungen zugänglich gemacht werden.
Heute gehört der Bunker der Bundesrepublik Deutschland und wird von der Feuerwehr verwaltet und technisch überwacht. Die Führung zeigte eindrucksvoll, dass die Anlage weit mehr ist als ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Sie erzählt von Krieg und Zerstörung, von der Not der Nachkriegsjahre, von den Ängsten des Kalten Krieges und schließlich von der Freude über die deutsche Wiedervereinigung.
Dank an die ehrenamtlichen Helfer
Am Ende der Führung bedankten sich die Teilnehmer des Lions Club Melsungen mit einem herzlichen Applaus bei Thomas Schmidt und den Verantwortlichen des Feuerwehrvereins. Als Zeichen der Anerkennung für das große ehrenamtliche Engagement wurde außerdem eine Spende an den Feuerwehrverein überreicht.
Dass solche Führungen überhaupt möglich sind, ist keineswegs selbstverständlich. Die Mitglieder des Feuerwehrvereins investieren ihre Freizeit, um diesen außergewöhnlichen Ort zu erhalten und die Geschichte des Bunkers für interessierte Besucher erlebbar zu machen. Dafür gebührt ihnen großer Respekt und ein ausdrücklicher Dank.
Gemütlicher Ausklang in der
Nach den vielen historischen und teilweise nachdenklich stimmenden Eindrücken ging es zum gemütlichen Teil des Abends in die Pfeffermühle. Bei einem gemeinsamen Essen und interessanten Gesprächen ließen die Teilnehmer die Club-Activity in geselliger Runde ausklingen.
Damit verband der Abend auf besondere Weise Geschichte, gesellschaftliches Engagement und die Gemeinschaft des Lions Club Melsungen – eine gelungene Club-Activity mit vielen Eindrücken, die sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben wird.